Aus seiner Forschung ergeben sich provokante Fragen: Sind unsere Gedanken wirklich so frei und sicher wie wir glauben? Oder wird man irgendwann per Gehirnscan unsere Wünsche und Gefühle auslesen können? In seinem ersten Abendseminar im Parabola Forum erläutert Prof. Dr. John-Dylan Haynes, was heute schon möglich ist, und worauf wir uns in den kommenden Jahren einstellen sollten.
Prof. Dr. JOHN-DYLAN HAYNES
Teil I: NEUROWISSENSCHAFTLICHE GRUNDLAGEN DES DENKENS UND FÜHLENS Gehirn und Seele
Das Verständnis, wie unser Gehirn unser Denken und fühlen ermöglicht hat in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte gemacht. Das Seminar gibt einen exzellenten Überblick über dieses spannende Forschungsgebiet. Es zeigt die Herangehensweise und zentralen Einsichten, aber auch die Herausforderungen und Grenzen der Hirnforschung.
Es geht dabei beispielhaft um fünf zentrale Fragen:
• Wie hängen Gedanken und Hirnprozesse überhaupt zusammen und gibt es prinzipielle Grenzen und Herausforderungen der Erkenntnis?
• Kann man „Bewusstsein“ neurowissenschaftlich erklären und wie funktionieren unbewusste Prozesse?
• Kann man mit Techniken der Hirnforschung wirklich „Gedanken lesen“?
• Was weiß man über die Hirnmechanismen von Kontrolle und Willensfreiheit?
• Wie ist das Wechselverhältnis zwischen dem Gehirn und dem übrigen Körper?
Teil II: UNBEWUSSTE ENTSCHEIDUNGEN Wie das Gehirn seine Weichen stellt
Wir haben oft den Eindruck, es gäbe einen klaren Zeitpunkt, an dem wir eine bestimmte Entscheidung fällen. Es scheint, der Ausgang habe bis zu diesem Moment noch nicht festgestanden und wir hätten uns noch anders entscheiden können. Dem scheinen jedoch die Ergebnisse aus der Hirnforschung zu widersprechen. Diese zeigen, dass der Ausgang von Entscheidungen paradoxerweise bereits vor dem Zeitpunkt der subjektiven Entscheidung vorhergesagt werden kann. Allerdings zeigen andere Ergebnisse, dass wir die Vorhersage auch durchbrechen können. Es scheint also unklar, ob und wenn ja, wie früh unsere Entscheidungen vorher festgelegt sind. Dieses Seminar wird einen Einblick in diesen scheinbaren Widerspruch geben und ihn versuchen aufzulösen. Dabei werden zwei Themen beleuchtet: Unterschiede zwischen Vorhersage und Vorherbestimmung, sowie die Schwierigkeit, die Phänomenologie der Entscheidungsfindung genau zu erfassen. Es zeigt sich, dass die Vorhersage von Entscheidungen irrelevant für ihre kausale Festlegung und mithin auch für das Problem der Willensfreiheit ist. Stattdessen werden alternative Bezugsrahmen vorgestellt, wie das Verhältnis von neuronalen Prozessen und Entscheidungsfreiheit konzipiert werden sollte.
Prof. Dr. John-Dylan Haynes ist Psychologe und Neurowissenschaftler sowie Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging (BCAN) und Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience (BCCN) der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Nach Studium der Psychologie und Philosophie in Bremen, Promotion zum Dr. rer. nat. am Institut für Biologie in Bremen und Forschungsaufenthalten in Magdeburg, Plymouth und London war er zuvor Leiter einer Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Kongnitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Seine Forschungsschwerpunte sind die Entschlüsselung mentaler Zustände anhand von Gerhirnsignalen sowie Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Entscheidungen.