Thomas Fuchs, Karl-Jaspers Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, präsentiert hier neuste Forschungsresultate zur Verkörperung von Gefühlen (Embodiment) und stellt ein Modell vor, welches auf der kreisförmigen Interaktion zwischen den affektiven Qualitäten der Situation und der leiblichen Resonanz des fühlenden Menschen beruht. Eine eindrückliche Rehabilitierung der Gefühle erwartet Sie in diesem Abendseminar.
Prof. Dr. Dr. THOMAS FUCHS
EMBODIMENT – DIE VERKÖRPERTE PSYCHE
Teil I:
GEMEINSAME SINNBILDUNG – SINN ENTSTEHT IM ZWISCHENRAUM
In unseren verkörperten Begegnungen ebenso wie in unserer verbalen Kommunikation mit anderen entsteht oft eine eigene, übergreifende Dynamik, die sich nicht genau vorhersehen lässt. Wir können sie als eine „gemeinsame Sinnbildung“ bezeichnen. Es entwickelt sich ein übergreifender Prozess, indem die Beteiligten einbezogen werden, ohne ihn steuern oder kontrollieren zu können. In solchen Prozessen kann sich eine aufschaukelnde Dynamik bilden, die in schwer lösbare Konflikte führt. Auf der anderen Seite ist das „Zwischen“ auch der Ort des Neuen, nämlich der für beide Seiten überraschenden, kreativen Sinnbildung. Zwischenleibliche Resonanz und unbewusste Gefühlsabstimmung spielen dafür eine wichtige Rolle.
Hier untersucht Prof. Fuchs die bewussten und unbewussten, verbalen und leiblichen Prozesse, die unsere Begegnungen mit anderen prägen. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei auch den primären, dyadischen Interaktionen in der frühen Kindheit, in denen wir schon vor der Entwicklung der Sprache Interaktionen mit anderen erlernen.
Teil II:
RHYTHMUS ODER BESCHLEUNIGUNG
Die zyklische Zeit des Leibes und die lineare Zeit der Moderne
Während sich die lineare Zeit aus der Messung von physikalischen Ereignissen ergibt, ist die Zeit des Lebens durch zyklische Prozesse gekennzeichnet, die auch im subjektiven Leben zum Ausdruck kommen. Dies gilt etwa für Herzschlag, Atmung, Schlaf-Wach-Rhythmus oder die Tagesrhythmik der Hormonausschüttung. Diese zyklische Zeit steht jedoch in Spannung zur Ordnung der linearen Zeit, die sich in den westlichen Gesellschaften seit der Neuzeit zunehmend etabliert hat. Sie sind durch wachsende Beschleunigung, Aufhebung von Rhythmen und Verbrauch der natürlichen Ressourcen charakterisiert, die den Lebensprozessen zugrunde liegen.
Diese Spannung erzeugt sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Konflikte, sie führt zu ökologischen Krisen ebenso wie individuellen Überforderungen, für die Depressionen und Burn-out-Syndrome als Beispiele stehen können. Dieser zweite Teil schliesst mit Vorschlägen zu einem angemessenen Umgang mit den Konflikten von linearer und zyklischer Zeit.
Thomas Fuchs ist Psychiater und Philosoph und seit 2010 Karl-Jaspers Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Zudem Autor von „Das überforderte Subjekt“(2018) und „Verkörperte Gefühle“ (2024) u.a.